„Wir sind zu groß, um an der Seite zu stehen.“

Sigmar Gabriels Plädoyer war klar: Deutschland müsse seiner Rolle in der Welt gerecht werden: „Es geht schief, wenn wir eine große Schweiz werden wollen – wirtschaftlich erfolgreich und politisch unbedeutsam.“ Die Welt werde unbequemer, konstatiert der Bundesaußenminister a. D. Denn nach 70 Jahren relativer Stabilität verändern sich alle Bedingungen, die bisher als sicher erschienen. Die USA definieren sich als pazifische Nation, nicht mehr als transatlantische. Noch tragen sie 70 Prozent der Verteidigungslast Europas, doch sie wollen sich aus Europa stärker zurückziehen. Autokratische Staatsführer gewinnen weltweit an Einfluss. Der Welthandel steht unter Beschuss. Politischer Wettbewerb schlägt um in Feindschaft.

Insofern könne es nicht sein, dass ein Deutschland in der Mitte Europas allein von der Innenpolitik beherrscht werde und sich nicht für Europa und die Welt interessiere. Gabriel bringt einen historischen Vergleich: Vor etwa 600 Jahren mottete China seine Schiffsflotte ein und zog sich aus der Weltgeschichte zurück. Das, ist Gabriel überzeugt, werde China nicht noch einmal passieren. Die Strategie der neuen Seidenstraße sei dafür der beste Beleg: Das Land investiere nicht in Afrika, um Flüchtlinge abzuhalten, sondern weil es dort Chancen sehe – eine völlig andere Motivation.

Für Deutschland sei es an der Zeit, sich zu entscheiden: Will es sich für viele Jahre aus der Weltgeschichte verabschieden. Oder will es sich hinein bewegen in diese neue unbequeme Welt. „Wir sind zu groß, um in Europa und der Welt an der Seite zu stehen“, schließt Gabriel.