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Podiumsdiskussion „Geopolitische Interessen zuerst“

„Geopolitische Risiken stehen ständig auf der Tagesordnung der Aufsichtsräte.“

Im internationalen Wettbewerb wird wirtschaftliche Freiheit zunehmend geopolitischen Zielen untergeordnet. Das beschäftigte auf dem Podium am Vormittag. Prof. Dr. Gabriel Felbermayr, Direktor am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), nahm zum Auftakt die Welthandelsorganisation WTO ins Visier – und es klang fast schon wie ein Nachruf: Über den Welthandel und die WTO, konstatierte er, kann man nicht viel gutes sagen – der Spirit der WTO inspiriert nicht mehr so richtig. „Die Unterstützung der USA hat sie verloren, schon vor Trump.“ Sollte Donald Trump 2024 wiedergewählt werden, werde sich die Lage weiter zuspitzen: „Im Programm der Trump-Kampagne wird gefordert, einen Mindestzoll von 10% einzuführen. Mit Exporten in die USA kann man kein Wachstum finden.“

Margret Suckale, Aufsichtsrätin unter anderem bei Infineon Technologies, stimmte dem zu: „Die Wiederwahl von Trump wird voraussichtlich passieren – darüber lese ich zu wenig in den Zeitungen.“ In den Unternehmen, betonte sie, beschäftigt man sich sehr stark damit – hier geht es nicht um schwarzen Schwäne, sondern sehr wahrscheinliche Ereignisse. „Eine Go-West-Strategie kann große Enttäuschungen bringen. Biden betreibt auch eine America-First-Politik, unter Trump wird sich das weiter verstärken.“ Von einer Abkehr von China hält die Multi-Aufsichtsrätin wenig: „Nur drei Prozent der Unternehmen wollen ihr Engagement dort zurückfahren – es ist viel vernünftiger, dort zu sein.“ In China, so ihre Erfahrung, wird Unternehmen der rote Teppich ausgerollt, „ganz anders als hier“. Das China-Risko, sagte Suckale, hat jedes Unternehmen selbstredend im Auge: „Geopolitische Risiken stehen in den Aufsichtsräten ständig auf der Tagesordnung.“

Mit Prof. Dr. Hermann Simon, Gründer von Simon-Kucher & Partners, rückten die Stärken Deutschlands ins Zentrum der Diskussion. So betonte er, dass Apple hierzulande 767 Zulieferer hat. Er berichtete, dass China massenhaft von Europa abhängig ist, zum Beispiel bei optischen Lithographie-Systemen. Und davon, dass chinesische Automobilzulieferer vor einer massiven Investitionswelle in Deutschland stehen. „Wir erleben eine völlige Neuausrichtung der globalen Wertschöpfung.“ Ausländer würden verstärkt in Deutschland produzieren, um hier zu verkaufen. Und umgekehrt, wie Simon anhand konkreter Beispiele zeigte: Ein Unternehmen für Bergbautechnologie verlegt seine Wertschöpfungskette komplett nach China, weil dort noch Bergbau stattfindet. Ein anderes baut sein KI-Entwicklungszentrum in China auf. „So verschränken sich die Wirtschaftsräume immer stärker.“

Insgesamt endete das Podium mit einem recht positiven Tenor. Felbermayr: „Die Abhängigkeit von anderen wird stark übertrieben dargestellt. Es gelingt in der Regel weit besser als vorher gedacht, bei Bedarf Ersatzlieferanten zu finden.“ Suckale: „Wir haben etwas zu bieten. Wir haben Technologien, die die Chinesen nicht haben. Und wir sind viel robuster aufgestellt, als wir denken.“ Simon: „Massenware à la Toyota versus deutsche Hochtechnologie à la Trumpf – das ist unser Hebel.“

Interview mit Prof. Dr. Gabriel Felbermayr

Prof. Dr. Gabriel Felbermayr zeichnet das Bild einer Welt, die in politische und wirtschaftliche Blöcke zerfallen ist. Er spricht über die Notwendigkeit von Freihandelsabkommen für die EU. Und er gibt einen ökonomischen Ausblick für 2024.

Interview mit Prof. Dr. Hermann Simon

Prof. Dr. Hermann Simon schaut im Interview durch die Brille des deutschen Mittelstands auf China. Und darauf, was es bedeutet, wenn zunehmend Sanktionen, Zölle und andere Einschränkungen drohen sowie eine weitreichende Regulierung wie das Lieferkettengesetz.