„Wir befinden uns im Systemwettbewerb mit China.“

„Das Bild vom Technologie-Dieb und -nachahmer kennzeichnet nicht mehr das China, mit dem wir uns in Zukunft beschäftigen müssen“ – mit dieser Einschätzung rückte Björn Conrad, CEO von Sinolytics, eine Sicht gerade, wie sie noch in vielen Köpfen streckt. „China ist qualitativ inzwischen sehr nah dran an uns“, so die Erfahrung des ehemaligen Vize-Direktors Forschung beim China-Think-Tank MERICS. Der Fortschritt werde von der chinesischen Regierung mit extremer Weitsicht vorangetrieben – und für Europa ergebe sich damit ein Problem: „Wir legen uns aus guten Gründen selbst strenge Regeln für feie Märkte und gegen Wettbewerbsverzerrung auf. Gleichzeitig müssen wir aber auch darauf reagieren können, dass China nicht im gleichen Regelwerk mitspielt, sonst kommen wir nicht weiter.“ Inzwischen befänden wir uns mitten in einem Systemwettbewerb mit China – und die chinesische Regierung sage inzwischen immer offener, das eigene System sei verglichen mit der liberalen Marktwirtschaft das leistungsfähigere.

 

 

 

Diese Sicht bestätigte Prof. Dr. Rüdiger Grube,Aufsichtsratsvorsitzender des Hamburger Hafen- und Logistikkonzerns HHLA und ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG. Im Sinne des Wettbewerbs unfaire Verhaltensweisen gebe es viele. „Wir müssen ein paar Dinge ändern“, forderte Grube. So sei es unverständlich, dass Forschungsausgaben in Deutschland nicht von der Steuer abgesetzt werden können. Dabei seien Forschung, Entwicklung und Innovation die wichtigsten Stärken im Wettbewerb. Auch das europäische Wettbewerbsrecht müsse auf die globale Realität angepasst werden – es könne nicht sein, dass Unternehmen wie Siemens und Alstom nicht fusionieren dürften, obwohl der chinesische Konkurrent noch immer doppelt so viel Umsatz hätte wie das fusionierte Unternehmen. Und nicht zuletzt: „Wenn wir als Export- und Logistiknation nicht den Anschluss verlieren wollen, brauchen wir eine Wachstumsagenda.“

„Innovationsbereitschaft ist ganz wesentlich für Europa, um sich zu behaupten“, sagte auch Prof. Dr. Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz. China zeige, dass Demokratie und Kapitalismus nicht zwingend zusammengehörten. Das stelle eine ganz grundsätzliche Herausforderung für das westliche Wirtschaftssystem dar. So könne China mit den europäischen Prinzipien einer „wertgetrieben Außenpolitik“ nur wenig anfangen – für die Regierung sei es unerheblich, wie die politischen Verhältnisse von Wirtschaftspartnern aussähen. „Der European way of Life ist nicht das Maß aller Dinge“, betonte Rödder. Und er wurde noch deutlicher: „Wir müssen uns von unserer Selbstgewissheit und Überlegenheit verabschieden. Wir können uns als Europa die Arroganz nicht mehr leisten, dass alle anderen minderbemittelt sind!“ Um überhaupt noch eine Rolle in der Welt spielen zu können, müsse Europa seine politischen Kraftquellen aktivieren: „Deutschland und Frankreich müssen mit dem bald Ex-EU-Mitglied Großbritannien eine außenpolitische Allianz bilden.“